Wie du dein Nervensystem sanft beruhigst
Dein Nervensystem beeinflusst, wie du auf Stress, Reize und Herausforderungen im Alltag reagierst. Entdecke einfache Wege, wie du deinen Körper besser wahrnehmen, frühzeitig auf seine Signale reagieren und wieder leichter in deine Ruhe zurückfinden kannst.
Yvonne Freiberg
8/23/20265 min read
Warum dein Körper manchmal schneller ist als dein Kopf
und wie du wieder Einfluss darauf bekommst.
Kennst du diese Tage, an denen eigentlich gar nichts Dramatisches passiert und trotzdem ist alles zu viel?
Das Handy klingelt, jemand möchte etwas von dir, du suchst deine Schlüssel, eine Nachricht kommt rein.
Dann stellt dir jemand eine vollkommen normale Frage und innerlich möchtest du antworten:
„KANN BITTE EINFACH KURZ NIEMAND ETWAS VON MIR WOLLEN?“
Herzlichen Glückwunsch.
Vielleicht bist du nicht plötzlich ein schrecklicher Mensch geworden.
Vielleicht ist dein System einfach ziemlich voll.
Dein Körper reagiert, bevor du darüber nachdenkst
Wir stellen uns gerne vor, dass wir unser Leben hauptsächlich mit unserem Verstand steuern.
Etwas passiert. Wir denken darüber nach. Wir treffen eine vernünftige Entscheidung. Wir reagieren.
Schöne Theorie.
In Wirklichkeit ist unser Körper häufig schneller.
Unser Nervensystem nimmt permanent Informationen aus unserer Umgebung und aus unserem Körper auf.
Es registriert Geräusche, Bewegungen, Gesichtsausdrücke, körperliche Veränderungen und vieles mehr.
Und es stellt dabei vereinfacht gesagt immer wieder eine ziemlich wichtige Frage:
Bin ich sicher?
Denn dein Körper hat eine Aufgabe, die ihm wichtiger ist als deine gute Laune: Dich zu schützen.
Wenn dein System eine Situation als belastend oder bedrohlich einordnet,
kann es dich innerhalb kürzester Zeit in erhöhte Alarmbereitschaft bringen.
Dein Herz schlägt schneller, deine Muskeln spannen sich an, deine Atmung verändert sich
und deine Aufmerksamkeit wird enger.
Dein Körper bereitet sich darauf vor, zu handeln.
Das ist keine Fehlfunktion.
Das ist ein ziemlich altes und ziemlich cleveres Überlebensprogramm.
Problematisch wird es nur, wenn dieses Programm ständig läuft.
Ein Tiger von früher muss heute nicht mehr unbedingt ein Tiger sein.
Früher waren Gefahren ziemlich eindeutig.
Heute sieht unser Alltag anders aus.
Der „Tiger“ kann eine volle Inbox sein.
Ein schwieriges Gespräch. Zeitdruck. Finanzielle Sorgen.
Ein Konflikt in der Familie. Drei Termine hintereinander. Zu wenig Schlaf.
Oder 17 kleine Dinge, von denen keines für sich besonders schlimm ist.
Unser Körper führt allerdings keine Excel Tabelle darüber, ob unser Stress gerade objektiv gerechtfertigt ist.
Er reagiert auf die Informationen, die bei ihm ankommen.
Und deshalb können wir irgendwann an einem Punkt landen,
an dem der berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt.
Dann war es vielleicht tatsächlich die herumliegende Socke.
Aber wahrscheinlich ging es nie wirklich um die Socke.
Warum „Beruhig dich“ erstaunlich schlecht funktioniert.
Wenn du richtig aufgebracht bist und jemand sagt zu dir: „Jetzt beruhig dich doch mal.“
Wie gut funktioniert das?
Genau. Meist ungefähr gar nicht.
Denn in einem Moment starker Anspannung reicht es nicht immer,
unserem Körper mit einem vernünftigen Argument mitzuteilen, dass alles in Ordnung ist.
Du kannst wissen, dass du gerade überreagierst und trotzdem merken: Ich komme nicht runter.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wissen und regulieren können sind nicht dasselbe.
Und genau deshalb finde ich es so spannend, nicht ausschließlich über den Kopf zu arbeiten.
Manchmal müssen wir unserem Körper erst helfen, bevor unser Kopf wieder vernünftig mitreden kann.
Eines der einfachsten Werkzeuge dafür trägst du jeden Tag mit dir herum: deinen Atem.
Und ja, ich weiß. „Atme mal.“
Klingt ungefähr so spektakulär wie „Trink genug Wasser“.
Aber deine Atmung ist tatsächlich besonders, weil sie einerseits automatisch funktioniert
und wir sie andererseits bewusst beeinflussen können.
Wenn wir gestresst sind, wird unsere Atmung häufig schneller und flacher.
Umgekehrt können wir über eine bewusst langsamere Atmung unserem Körper andere Signale geben.
Du brauchst daraus kein zwanzigminütiges Ritual zu machen.
Probier etwas ganz Einfaches:
Atme ruhig durch die Nase ein und etwas länger wieder aus.
Noch einmal.
Nicht mit Gewalt.
Nicht perfekt. Einfach bewusst.
Schon dieser kleine Moment unterbricht etwas Entscheidendes:
Du reagierst nicht mehr nur. Du nimmst wahr.
Dein Körper liebt Signale
Wir erleben unsere Umwelt über unsere Sinne:
Gerüche, Berührungen, Geräusche, Licht, Temperatur und Bewegung.
All diese Informationen werden von unserem Nervensystem verarbeitet.
Und genau deshalb können kleine sensorische Reize im Alltag interessant sein.
Vielleicht kennst du das Gefühl, wenn du nach einem langen Tag unter eine warme Dusche steigst,
barfuß über Gras läufst, dich unter eine schwere Decke kuschelst,
einen vertrauten Menschen umarmst oder Musik hörst,
bei der dein ganzer Körper gefühlt einen Gang zurückschaltet.
Oder du nimmst einen Geruch wahr, den du mit etwas Schönem verbindest.
Nicht jeder Mensch reagiert auf dasselbe. Und genau darum geht es.
Finde heraus, was deinem System guttut.
Bewegung kann ebenfalls Regulation sein.
Wenn dein Körper voller Anspannung steckt, muss die Antwort nicht immer Stillstand sein.
Manchmal braucht dein System genau das Gegenteil: Bewegung.
Ein Spaziergang, Tanzen, den Körper ausschütteln, Sport, Gartenarbeit oder einfach einmal um den Block gehen, statt das nächste Problem am Küchentisch zum 38. Mal durchzudenken.
Stress ist nicht nur ein Gedanke. Er zeigt sich körperlich.
Also dürfen wir ihm auch körperlich begegnen.
Dein Nervensystem braucht nicht noch eine Aufgabe.
Hier liegt für mich eine kleine Gefahr in unserem heutigen Umgang mit Selbstfürsorge:
Wir machen sogar aus Entspannung ein Projekt.
Meditieren. Atmen. Sport. Gesund essen. Tagebuch schreiben. Achtsam sein. Früh schlafen.
Und plötzlich sitzt du abends da und bist gestresst, weil du heute deine Entspannung nicht geschafft hast.
Das kann nicht der Sinn sein.
Es geht nicht darum, noch mehr Punkte auf deine To do Liste zu schreiben.
Es geht darum, dich selbst wieder besser wahrzunehmen.
Was brauche ich gerade wirklich?
Vielleicht Ruhe.
Vielleicht Bewegung.
Vielleicht einen Menschen.
Vielleicht fünf Minuten alleine.
Vielleicht frische Luft.
Vielleicht Musik.
Vielleicht einfach einmal nichts.
Regulation beginnt oft viel früher
Wir warten häufig so lange, bis wir komplett überfordert sind.
Erst wenn der Deckel fliegt, merken wir: Ups. War wohl ein bisschen viel.
Dabei sendet unser Körper meistens vorher Signale.
Vielleicht wirst du ungeduldiger, schläfst schlechter, deine Schultern wandern Richtung Ohren,
du atmest flacher oder kannst dich schlechter konzentrieren.
Kleine Dinge nerven dich plötzlich unverhältnismäßig stark.
Genau diese Momente sind interessant.
Denn je früher du bemerkst, dass dein System hochfährt, desto eher kannst du reagieren.
Nicht erst bei 100.
Vielleicht schon bei 40.
Du musst nicht dauerhaft entspannt sein.
Das wäre übrigens auch gar nicht das Ziel.
Ein gesundes Nervensystem ist nicht eines, das permanent im Ruhemodus liegt.
Wir brauchen Aktivierung.
Wir wollen uns freuen, rennen, arbeiten, Herausforderungen bewältigen, aufgeregt sein,
Neues erleben und manchmal auch richtig Gas geben.
Es geht nicht darum, Stress vollständig aus deinem Leben zu verbannen.
Es geht darum, wieder zurückfinden zu können.
Von Anspannung zu Entspannung.
Von Aktivität zu Erholung.
Vom Funktionieren wieder zum Wahrnehmen.
Und je besser du deine eigenen Signale kennenlernst, desto früher merkst du,
wann es Zeit dafür ist.
Fang klein an
Du brauchst dafür nicht dein gesamtes Leben umzustellen.
Beobachte dich einmal einen Tag lang.
Wann spannt sich dein Körper an?
Wann hältst du unbewusst die Luft an?
Welche Menschen oder Situationen lassen dich innerlich hochfahren?
Und vor allem:
Was hilft dir wirklich dabei, wieder herunterzufahren?
Nicht das, was laut irgendeinem Ratgeber funktionieren sollte.
Deins.
Vielleicht findest du zwei oder drei kleine Dinge,
die du ganz selbstverständlich in deinen Alltag einbauen kannst.
Nicht erst dann, wenn gar nichts mehr geht, sondern zwischendurch.
Denn vielleicht müssen wir nicht immer darauf warten, dass unser Körper laut wird.
Vielleicht dürfen wir lernen, ihm schon zuzuhören, wenn er noch leise mit uns spricht.
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